Resilienz | Angeboren oder erlernbar?
"Manche Menschen stecken Krisen einfacher weg als andere. Das ist halt genetisch bedingt." Diese Überzeugung gehört zu den hartnäckigsten Mythen, wenn es um Resilienz, Stressbewältigung und mentale Gesundheit geht und ist aus psychologischer Sicht nicht nur falsch, sondern auch problematisch. Denn wer glaubt, Resilienz sei eine angeborene Persönlichkeitseigenschaft, ein unveränderlicher Charakterzug, der wird sich in belastenden Zeiten und Krisen eher seinem Schicksal ergeben und resignieren anstatt aktiv etwas zu unternehmen, um seine Situation zu verbessern. Die Wissenschaft zeigt glücklicherweise ein anderes Bild. Resilienz ist keine starre Eigenschaft, die man hat oder nicht hat, sondern eine lebenslang veränderbare und erlernbare Fähigkeit. Resilienz ist also ein dynamischer Prozess und kann mit einem Muskel verglichen werden. Denn Resilienz lässt sich wie ein Muskel aufbauen. Durch richtiges und regelmässiges Training.

Was Resilienz nicht bedeutet (und was schon).
Resilienz bedeutet nicht, dass uns Belastungen nichts mehr anhaben können. Denn auch resiliente Menschen erleben Stress, Schmerz, Trauer und Verzweiflung. Resilienz bedeutet auch nicht, Belastungen einfach zu ertragen und lächelnd wegzustecken, also toxisch optimistisch immer weiter "zu funktionieren", sondern sich an schwierige Bedingungen anzupassen, Gefühle zuzulassen, Grenzen zu erkennen, zu akzeptieren und konstruktiv damit umzugehen. Resilienz soll auch kein Freibrief dafür sein, strukturelle Probleme wie ungesunde Arbeitsbedingungen oder Krisen allein dem Individuum anzulasten. Denn neben persönlichen Kompetenzen spielen auch die soziale Unterstützung und äussere Strukturen eine wesentliche Rolle. Zusammengefasst lässt sich sagen: Resilienz ist die Fähigkeit nach Rückschlägen, Krisen oder Phasen hoher Belastung immer wieder in das eigene innere Gleichgewicht zurückzufinden und sich zu erholen.
Das neuroplastische Gehirn.
Warum lässt sich Resilienz aber trainieren? Die Antwort liegt in der Neuroplastizität unseres Gehirns. Wenn wir über Jahre hinweg gelernt haben, auf Stress mit Hilflosigkeit oder Katastrophendenken zu reagieren, hat unser Gehirn für diese Denkmuster Nervenverbindungen entwickelt, die einer mehrspuringen Autobahn gleichen. Trotzdem sind diese neuronalen Verbindungen nicht in Stein gemeisselt. Durch bewusste, mentale Übungen und regelmässiges Training können neue Denkpfade angelegt und dadurch neue Verhaltensweisen antrainiert werden. Anfangs kostet das viel Anstrengung, Konzentration und Energie, denn diese neuen Wege sind noch schmal und kaum ausgebaut. Je öfter wir sie jedoch nutzen – also je öfter wir diese neuen, resilienten Strategien anwenden – desto breiter werden sie und desto automatischer werden sie genutzt.
Die acht Resilienzfaktoren.
Resilienz lässt sich in verschiedene Kompetenzbereiche unterteilen. Diese werden als Schutzfaktoren bezeichnet und beschreiben in ihrer Summe unsere psychische Widerstandskraft. Zu diesen Faktoren zählen Zukunftsorientierung und Optimismus, Achtsamkeit und Kreativität, Akzeptanz und Netzwerkorientierung, sowie Selbstverantwortung und Lösungsorientierung.
1. Zukunftsorientierung und Optimismus
Diese beiden Faktoren beschreiben unsere Ausrichtung. Wer seine Ziele und Werte kennt und sein Denken und Tun danach ausrichtet, lebt ein erfüllteres und zufriedeneres Leben. Optimistisches Denken oder ein grundsätzliches Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärkt zudem unsere tiefe Überzeugung, dass sich die Dinge zum Besseren wenden lassen.
2. Achtsamkeit und Kreativität
Diese beiden Faktoren beschreiben unsere Balance. Wer eine gute Selbstwahrnehmung besitzt, ist in der Lage, Stress frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern. Sowohl Achtsamkeit als auch Kreativität sind wesentliche Grundlagen für Selbstregulation, Selbstfürsorge und innere Stabilität.
3. Akzeptanz und Netzwerkorientierung
Diese beiden Faktoren beschreiben unsere Verbundenheit. Zum einen mit uns selbst und zum anderen mit unserem sozialen Umfeld. Nicht alles im Leben lässt sich kontrollieren oder verändern. Wer seine Grenzen und seinen Handlungsspielraum kennt, kann seine Energie auf das richten, was sich tatsächlich beeinflussen lässt oder Mitmenschen um Unterstützung bitten, wenn man alleine nicht mehr weiterkommt.
4. Selbstverantwortung und Lösungsorientierung
Diese beiden Faktoren beschreiben die Handlungsebene. Wer überzeugt ist, sein Leben aktiv mitgestalten zu können und sich als selbstwirksam erlebt, wird immer wieder aktiv nach Lösungen suchen anstatt sich auf das Problem zu konzentrieren oder zu resignieren. Menschen mit hoher Selbstverantwortung und Lösungsorientierung fragen weniger:"Warum passiert mir das?", sondern eher:"Was kann ich konkret tun, um die Situation zu verbessern?"
Resilienz beginnt mit einem ersten Schritt.
Niemand erwartet, dass du von heute auf morgen einen Marathon läufst. Genauso wie du im Fitnessstudio nicht direkt mit den schwersten Gewichten startest, baut sich auch mentale Widerstandskraft Schritt für Schritt auf. Konzentriere dich zuerst einmal nur auf einen Faktor und beginne mit kleinen Schritten. Denn Gewohnheiten entstehen schneller, wenn man Ausdauer zeigt und regelmässig übt. Sei also geduldig und nachsichtig mit dir. Rückschläge gehören immer dazu. Nimm sie bewusst wahr, ohne dich zu verurteilen und reflektiere, was du nächstes Mal anders machen kannst.
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